Artikel in der Streikzeitung
Geschrieben von: Florian
597 mal gelesen.
Der Bildungsstreik Bayern hat nach stundenlanger Arbeit eine eigene Streikzeitung ins Leben gerufen. Die Probleme in der Bildungspolitik werden von vielen Seiten beleuchtet. Auch das Bündnis für faire und pädagogisch sinnvolle Einstellungspraxis ist mit einem Artikel vertreten. Die Streikzeitung kann unter der Adresse http://zeitung.bildungsstreik-bayern.de/streikzeitung_bayern.pdf (PDF) heruntergeladen werden. Unser Artikel ist auf S. 18 zu finden.
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Bye bye Bayern? Junge Sonderpädagogen auf dem Abstellgleis – Ausbildung finanziert, zum Unterrichten zu teuer!
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Seit einigen Jahren bekommen viele Sonderpädagogen nach ihrer Ausbildung nur noch befristete Einjahresverträge angeboten und finden sich auf Wartelisten wieder, obwohl der Bedarf an Sonderpädagogen klar gegeben ist. Derzeit befinden sich 545 (!!!) „Bewerber“ auf diesen Wartelisten, die Wartezeit ist auf fünf Jahre begrenzt. In den Kollegien herrscht trotz gleicher Arbeit bereits eine Zweiklassengesellschaft: der verbeamtete Sonderschullehrer und der Vertragssonderschullehrer. Unterschied: Bis zu 700 Euro weniger Gehalt im Monat bei gleicher Arbeit.
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Es ist evident, dass dieser Zustand für die Betroffenen schwerwiegende negative Auswirkungen hat. Als erstes ist die Verunsicherung als Folge der prekären und stets nur befristeten Arbeitsverhältnisse zu nennen. Diese wird noch verstärkt durch das Wissen über die zeitliche Begrenzung dieses Zustands auf 5 Jahre und der absoluten Ungewissheit darüber, wie es danach weitergehen kann.
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Jahr für Jahr bangen die betroffenen Lehrer erneut darum, überhaupt eine Anstellung zu bekommen. Eine dauerhafte Lebensperspektive und -planung ist so nicht möglich.
Die gesetzlichen Regelungen zu befristeten Verträgen erzwingen darüber hinaus häufige Schulwechsel, was in einigen Fällen auch wiederholte kostspielige Wohnortwechsel in kürzester Zeit zur Folge hat (Stichwort Kettenverträge!). Der Umstand, sich immer wieder aufs Neue in eine völlig neue Schul- und Klassensituation einarbeiten zu müssen, entwertet das sich bereits mühsam erarbeitete Wissen um die spezifische Schulsituation, die besondere Schülerpopulation und die jeweiligen Schulausstattungen.
Neben den negativen Folgen der existentiellen Unsicherheit für die jungen Lehrkräfte ergeben sich aber auch negative Folgen für Schüler, Eltern und die Schulen.
Die mit viel Engagement aufgebauten Kontakte zu Eltern, das Wissen über familiäre Hintergründe, die zu einem besseren Verständnis für Schülerpersönlichkeiten und problematische Verhaltensweisen führen, sind mit einem Schlag nutzlos.
Ganz besonders für die Schüler an Förderschulen haben ständige Lehrerwechsel negative Konsequenzen für Motivation und damit auch Lernerfolg. Mühsam entwickelte Vertrauensverhältnisse werden für die weitere pädagogische Arbeit wertlos. Der neuen Lehrkraft wird mit Frustration und Misstrauen begegnet. Die fehlende Kontinuität hat damit zwangsläufig negative Auswirkungen auf die Unterrichtsqualität.
Aber auch für die betroffenen Kollegien hat dieser Zustand unerfreuliche Auswirkungen. Sie sind ständig gezwungen neue Kollegen einzuarbeiten. Mit längerfristig für den Schulbetrieb erforderlichen Funktionen können diese in sinnvoller Weise nicht bedacht werden.
Die viel gerühmte und teuer bezahlte Evaluation wird bei ständig neu gemischten Kollegien vollends zur Farce. Die Forderungen nach Schulentwicklung und Schulprofilen sind unter diesen Bedingungen schwer bis gar nicht umzusetzen.
Dabei werden diese gut ausgebildeten jungen Lehrkräfte Jahr für Jahr dringend zur Aufrechterhaltung des Status Quo gebraucht. Der prognostizierte drastische Rückgang der Schülerzahlen findet vor allem im sonderpädagogischen Bereich so nicht statt. Seit Jahren müssen fehlende Stellen mit Grund- und Hauptschullehrern aufgefüllt werden.
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Etliche der jungen Lehrer aber haben Bayern bereits den Rücken gekehrt und sind in andere Bundesländer abgewandert, wo sie meist mit offenen Armen aufgenommen werden. Baden-Württemberg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen werben mittlerweile intensiv mit besseren Arbeitsbedingungen und sicheren Zukunftsaussichten (sofortige oder zeitnahe Verbeamtung). Die Abwanderung wird immer stärker und der Mangel an Sonderpädagogen jedes Jahr noch größer. Die Not ist bereits so groß, dass zum Halbjahr des Schuljahres 2008/2009 frei gewordene Stellen mit Absolventen der Sonderpädagogik mit 1. Staatsexamen als Vertretungen eingestellt werden mussten. Dieser Zustand ist für das selbst ernannte Bildungsland Bayern nicht länger tragbar.
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Deutschland hat die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert und sich zu einem inklusiven Schulsystem verpflichtet. Das allgemeine Schulsystem soll sich so entwickeln, dass Menschen mit Behinderungen am individuellen Bedarf orientiert die notwendige Unterstützung erhalten, damit sie sich mit ihren Fähigkeiten voll entfalten und tatsächlich an der Gesellschaft teilhaben können.  Es kommt schnell der Verdacht auf, dass die repressive Einstellungspolitik beibehalten und sogar noch verschärft wird, um die Kosten für die teuer ausgebildeten Sonderpädagogen an den Sonderschulen einzusparen. Der Gedanke, dass man in einem Schulsystem, in dem jede/r Schüler inklusiv unterrichtet werden kann, keine Sonder- und Förderschulen und damit auch keine Sonderschullehrer mehr braucht, liegt nahe.
Besonders ein inklusives Schulsystem aber wird ohne eine ausreichende Anzahl gut ausgebildeter und motivierter Sonderpädagogen nicht funktionieren können! Wer glaubt Inklusion mit der Einsparung der Sonderpädagogen verwirklichen zu können hat sich entweder mit der Thematik noch nicht ausreichend auseinandergesetzt oder versucht schulische Sparprogramme mit dem wohlklingenden Etikett „Inklusion“ zu vertuschen. Vor allem in Zeiten der bildungspolitischen Inklusions-Debatte sind sonderpädagogische Kompetenzen an allen Schularten unabdingbar!
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Das Bündnis für faire und pädagogisch sinnvolle Einstellungspraxis fordert darum:
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Eine faire Einstellungspraxis durch mehr Planstellen für benötigte und gut ausgebildete Sonderpädagogen!
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Die Abschaffung der pädagogisch sinnlosen Einjahresverträge!
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Keine schulischen Sparprogramme unter dem Deckmantel der Inklusion! Wer inklusive Bildung verwirklichen will, benötigt sonderpädagogische Kompetenz!
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Schüler, Eltern und Sonderpädagogen sind aufgerufen, sich gegen die repressive Einstellungspolitik im Förderschulwesen zu wehren. Jedes Kind hat ein Recht auf bestmögliche Förderung! Mehr Infos und Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden sind unter www.sopaed.net zu finden.
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Autor: F. K., SoL, BffE-Koordinator, GEW
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