Protokoll vom BffE-Treffen
Geschrieben von: Florian
1.523 mal gelesen.
Anbei das Protokoll des Bündnisses zum Treffen am 18.03.2010 im pdf-Format. Vielen Dank an Kathrin fürs Schreiben!
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Geschrieben von: Florian
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Anbei das Protokoll des Bündnisses zum Treffen am 18.03.2010 im pdf-Format. Vielen Dank an Kathrin fürs Schreiben!
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Dienstag 23. März 2010 um 10:04
Liebe Mitglieder des BffE,
zuerst darf ich als Sonderschullehrer a.D betonen, wie wichtig Ihr Bündnis für die nächste Generation von Sonderpädagogen ist und ich Ihre Initiative regelmäßig verfolge.
Zu dem Satz im letzten Protokoll:”Klarstellung, dass wir nicht für den Erhalt der FÖZs kämpfen, sondern auch
eine gute umgesetzte Inklusion weiter SoLs braucht”möchte ich doch eine Anmerkung machen.
Es geht in der Inklusionsdebatte nicht um den Erhalt der FöZs, sonder um den Erhalt der Sonderpädagogik mit ihrem Know how, das sie sich in den letzten 50 Jahren aufgebaut hat.
Die Sonderpädagogik muss sich frei schwimmen von der Sonderschulpädagogik und ihre Professionalität für den Aufbau einer inklusiven Schule nutzbar machen. Es geht als nicht um den Gegensatz Förderzentren oder inklusive Schule, sondern um die Frage, wie kann sich Sonderpädagogik in die inklusive Schule einbringen.
Die Sonderpädagogen müssen in der inklusiven Schule ein besonderes Augenmerk auf die Kinder mit besonderen Förderbedürnissen, werden aber die Inklusion nicht alleine schaffen und sollten sich das auch nicht einbilden. Sonderpädagogik wird in der inklusiven Schule eine subsidiäre, aber kooperative und vernetzende Rolle spielen.
Bei meinen Referaten in den letzten Monaten habe ich festgestellt, dass viele Sonderschullehrer und vor allem Schulleiter bei einem solchen Satz, wie er in Ihrem Protokoll steht, Existenzängste entwickeln und sogleich auf Abwehrhaltung zu Inklusion gehen.
Für mich ist momentan die Schlüsselfrage: Wie können wir zukünftig beim Aufbau von inklusiven schulischen Strukturen die Sonderpädagogik in die allgemeine Schule implantieren und zwar zum Wohle der Schüler, Eltern und Kollegen und welche Rahmenbedingungen müssen wir formulieren und politisch vehement fordern. Bei der Inklusion führt nur ein “sowohl als auch” zum Erfolg, keinesfalls ein “entweder- oder”. Daran ist bereits die Integration gescheitert.
Viele Grüße und weiter im Engagement!
Johann Horvath
Dienstag 23. März 2010 um 21:17
Hallo Herr Horvath,
das freut mich nun aber sehr, dass ihr Weg Sie auf unsere Seite geführt hat – ich bin ein regelmäßiger Leser ihres Blogs (ich hoffe ich darf ihn verlinken: http://soheilpaed.blogspot.com/ ) und danke Ihnen für Ihre Anmerkungen. Gerade als Junglehrer habe ich hier in Bayern mittlerweile sehr stark das Gefühl, dass meine jahrelang in einem sehr intensiven Studium erarbeiteten Kompetenzen anscheinend nicht gebraucht werden. Die öffentliche Diskussion um die “Inclusion”, so wie sie von den Entscheidungsträgern geführt wird, veranlasst mich dazu, meine Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und, ja, da liegen Sie richtig, Existenzangst zu bekommen, schlimmer aber noch, die Bildungschancen derjenigen, die nicht mit optimalen Startbedingungen ausgestattet sind, schwinden zu sehen. Ich kann mich noch genau an mein erstes Staatsexamen erinnen, Körperbehindertenpädagogik, Thema war Integration/Inclusion. Mittlerweile wird der Begriff doch in Bayern bereits gleichgesetzt, Inclusion durch Kooperation lautet die Floskel. Die Sonderpädagogik leidet ja jetzt schon in allen Bereichen, die Arbeitsbedingungen sind schwieriger geworden und ich fahre jeden Tag an ein SFZ mit der Gewissheit, 15 Schüler vor mir zu sehen, die nicht einmal mehr “Förderunterricht”, geschweige denn das notwendige und vorgeschriebene Stundenmaß erhalten und vor allem nicht die individuelle Unterstützung bekommen können, die jeder von Ihnen danke meines diagnostischen Auges dringend notwendig hätte. Ich frage mich, warum nicht Experten der Sonderpädagogik, die sich seit Jahren mit dem Themenkomplex der “Inclusion” während ihres Studiums auseinandersetzen, den Weg vorgeben oder zumindest mitbestimmen können. Warum werden die nicht gefragt? Weil in Bayern die Angst vor der Benachteiligung der Menschen mit “normaler” Begabung zu groß ist und ein konsequent inclusiver Weg Kosten verursachen würde, die niemand tragen will? Stattdessen wird weiter separiert und die Kluft aufrecht erhalten – und junge motivierte Sonderpädagogen werden ausgebeutet und dürfen die Missstände verwalten – ganz ehrlich, ich bin ein Befürworter jedes gemeinsamen Lernens von Beginn an, träume von einer Gesellschaft des Miteinanders statt der Ausgrenzung, aber so wie der Begriff der Inclusion meiner Meinung nach in der breiten Öffentlichkeit bereits beschädigt wurde (Zitat eines Kollegen: Wir müssen jetzt bald includieren…”!), habe ich Angst vor dem, was meine Schüler mit besonderem Förderbedarf unter dem Deckmantel der Inclusion zukünftig erwarten könnte.
Noch eine Bemerkung zu Ihren Anmerkungen, Sie haben natürlich troz aller meiner frustrierten Worte mit jedem Satz Recht, den Sie geschrieben haben. Es wäre fatal, wenn das Know-How verloren gehen würde – wenn wir nicht schon auf dem Weg sind es zu verlieren? Vielleicht belehren Sie mich ja eines Besseren, ich könnte es wahrscheinlich brauchen.
Viele Grüße,
Florian Kohl, SoL m.Av.
Samstag 24. Juli 2010 um 15:30
Hallo Herr Horvath,
ich arbeite seit 1979 als Sonderschullehrerin. In den letzten 20 Jahren an Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Meine Schule ist in NRW, eine Schule mit sehr guten Erfolgen bei der beruflichen Integration unserer Schüler. Seit Jahren arbeiten wir in Kooperation mit einer Hauptschule zusammen. Es wird Förderdiagnostik durchgeführt und in interativen Lerngruppen gearbeitet, Rücküberweisungen, bei Aussicht auf Erfolg, finden ebenfalls statt. Nun wird auch in unserem Land die Inclusion vorangetrieben.Grundsätzlich finde ich den Gedanken der gemeinsamen Beschulung, speziell für Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen, sehr gut. Allerdings nur, wenn die Bedingungen stimmen. Ich erfahre es im Moment so, dass hier auf Biegen oder Brechen der zweite vor dem ersten Schritt gemacht wird. Erst schicken wir mal die Kinder ins Regelschullsytem: ohne Konzept, ohne rechtliche Absicherung der Kollegen,ohne die entsprechende Fortbildung der Kolleginnen und Kollegen im “Normalschulsystem”, mit einigen Stündchen der Sonderschullehrer. Die Realität sieht so aus, dass es keine vernünftigen räumlichen, materiellen und personellen Voraussetzungen gibt, um die betroffenen Kinder angemessen zu fördern. Da sitzen geistig behinderte Kinder, die eigentlich im lebenspraktischen Bereich gefördert werden müssten, in einer Grundschulklasse und malen den ganzen Tag Hohlbuchstaben oder Zahlen nach, weil die erforderlichen Therapie- und Unterrichtsräume gar nicht vorhanden sind und die Sonderschullehrer nur gelegentlich für sie da sind. Ist das individuelle Förderung? Hyperaktive, lernschwache Kinder, die enorm den Unterricht stören, bringen die Grundschulkollegen an den Rand der Belastbarkeit. Die gelegenliche Anwesenheit der Förderschulkollegen bringt nur wenig Hilfe. Gefördert wird in dunklen, fensterlosen Räumen oder auf dem Flur, weil keine Förderräume vorhanden sind. Der Erziehungsauftrag unseres Berufes bleibt hier vollkommen auf der Strecke. Die Erfolge unsere Arbeit beruhen zum großen Teil auf unserer erzieherischen Bemühungen in Kooperation mit vielen anderen Instiutionen. Wie kann ich im integrativen Unterricht Talente und Stärken fördern? Viele unserer Schüler sind bei uns regelrecht aufgeblüht, haben Verantwortung übernommen, sind viel selbstbewusster geworden. Sie wären im “Normalschulsystem” durch Netz gefallen. Inclusion ja, aber nicht zum Nulltarif und nicht auf Kosten der Städte und Gemeinden. Erst die Voraussetzungen schaffen und dann erst das Schulsystem verändern. Dann gibt es da noch eine andere Seite der Medaille. Was mutet man hier den Sonderschullehrern, spezielle auf dem Lande, zu? Fahrt schön mit dem eigenen PKW zum “Includieren”, auch in 30km entfernte Orte. Wenn ihr einen Unfall auf dem Weg dahin habt, dann müsst ihr die Kosten, die dadurch entstehen selbst tragen. Ihr könnt euch aber auch auf eigen Kosten dagegen versichern. Die Fahrtzeit wird euch natürlich nicht als Arbeitszeit angerechnet. Das könnt ihr schön in euren Pausen beim Pendeln zwischen der Stamm- und Inculsionsschule verbringen. Pausen braucht ihr ja nicht, ihr könnt euch ja beim Fahren erholen. Alle diese Probleme sind vorhanden und nicht geregelt. Da gibt es einen neuen Studiengang ” Entwicklung und Inclusion” an der Uni Siegen. Angedachte Arbeitsorte sind u.A. Grund- und Hauptschulen.Werden wir und unser KNOW HOW überfüssig? Machen die anderen, neuen Kollegen, die Arbeit zu einem kleineren Gehalt? Das Problem der Diskriminierung ist bei Förderschülern zweifellos vorhanden. Wird sie aber durch Inclusion abgeschafft? Werden diese Schüler nicht auch hier vielleicht noch mehr ausgegrenzt? Wird diesen Schülern auch so eine hervorragende Berufsvorbereitung angeboten?
Alle diese Probleme gehen mir in letzter Zeit oft durch den Kopf. Ich sehe unser Kollegium, dass zum Wohl der Kinder unserer Schule, den Spagat vollbringt, die Standards an unsere Schule zu halten und gleichzeitig, die von oben verordnete Inclusion zu verwirklichen. Das bedeutet Konzepte entwicklen, das keine vorhanden, an beiden Schulen an Konferenzen und Teambesprechungen teilnehmen, für Material zu sorgen usw. Ausgeschriebene Stellen für Sonderschullehrer bleiben unbesetzt, weil keine Kollegen auf dem “Markt” sind. Seiteneinsteiger werden eingestellt, die weder testen noch abgeordnet werden dürfen.Sie können studieren,ja, aber auf Kosten des Stundenkontingents der Schule. Unser enorm hohes Engagemant bekommt langsam Risse, weil die Vielfalt der Aufgaben eigentlich nicht zu bewältigen ist, wenn man seinen Beruf liebt und ernst nimmt.
Inclusion zum Nulltarif ist nicht zu haben. Sie kostet viel, viel Geld und benötigt viel Personal. Warum besetzt man nicht alle Klassen mit Förderschullehrern doppelt, schafft die benötigten räumlichen Voraussetzungen, baut Barrieren ab, bildet entsprechen aus und fort? Das alles in Kooperation und unter Einbeziehung des NOW HOWS der Förderschullehrer. Dann wäre der Traum von Inclusion vielleicht machbar. Sicher nicht von heute auf morgen, aber auf lange Sicht vielleicht. Was hier im Moment statt findet ist reine Augenwischerei, die keinem etwas nützt: Nicht den Kindern mit Förderbedarf, nicht den “Normalschülern”, die auch ein Recht auf Bildung und Förderung haben. Bildung ist teuer und muss sich nicht im wirtschaflichen Sinne rechnen.
Liebe Grüße
Henryka Wacker, SoL